10 Jahre Pro
Arbeit (früher Zalt)
3. September 2005
Mensch und Arbeit
Herzlichen Dank für die Einladung. Gerne nutze
ich die Gelegenheit, Ihnen einige Gedanken zum Thema Arbeit
vorzutragen.
Arbeit als Grundbedürfnis
Ich
denke die Arbeit ist für den Menschen ein unabdingbares
Grundbedürfnis. Die meisten Menschen identifizieren sich mit und
durch die Arbeit. Zuweilen ist die Arbeit so wichtig, dass
jemand ohne Arbeit sein ganzes Selbstbewusstsein verliert.
Vielleicht haben sie sich auch schon ertappt bei einem ersten
Kontakt mit einem unbekannten Menschen. Sehr schnell wird
gefragt „was arbeitest du?“ den Beruf interessiert uns meist vor
den andern menschlichen Qualitäten. Kürzlich fragte ich bei
einer ersten Begegnung mit einer mir unbekannten Person: Was
arbeiten Sie? Die Antwort: „Ich bin Vater dreier Kinder“! Die
Antwort freute und erstaunte mich zugleich. Habe ich doch eine
ganz andere Antwort erwartet. Ja, wer Kinder hat weiss welch
grosse und wichtige Arbeit die Begleitung von Kindern hinaus ins
Leben bedeutet.
Arbeit als Selbstvollzug des
Menschen
Ich
spürte schon anhand meiner Fragestellung und der von mir
erwarteten Antwort: Ja, in unserer Gesellschaft gilt die
Wertschätzung hauptsächlich der bezahlten Arbeit. Die Arbeit ist
bei uns den monetären Strömungen unterworfen oder mit einem
andern Wort gesagt: Die Arbeit ist ökonomisiert. Das heisst sie
ist messbar. Je mehr an einer Arbeit verdient wird, umso eher
wird sie bewundert und geschätzt. Arbeit die hingegen nicht
gemessen werden kann, wird oft nicht als Arbeit erkannt oder
dann aber gering geschätzt.
Arbeit
im Gesamten ist jedoch nicht nur die bezahlte Arbeit. Dies ist
heute auch schon wieder eine Binsenwahrheit. Zu mal in Ihren
Kreisen, wo über Arbeit nachgedacht wird. Doch ich möchte noch
einen Schritt weiter gehen: Arbeit gehört in jedem Fall zum
Selbstvollzug des Menschen. Dieser Arbeitsvollzug gehört
grundlegend zum Menschen, denn der Mensch will und muss immer
auch tätig sein. Der Mensch will hier auf Erden etwas verändern.
Ohne Arbeit kann der Mensch nicht existieren. Arbeit aber ist
nur dann ein wesentlich, menschlicher Vollzug, wenn sie aus
innerer Freiheit und aus innerer Freude getan werden kann. In
diesem Tun will der Mensch letztlich sein Leben, und das seiner
Mitmenschen, schöpferisch gestalten. Der Mensch ist in der
Arbeit ein kleiner Schöpfer, ein „Schöpfer-Gott“.
Dies
sieht man bereits beim Kind. Das Spiel bedeutet für das Kind ein
Tätigsein und ein Arbeiten. Im Sandhaufen baggert es. Es
imitiert die Tätigkeiten der Eltern, die Arbeit von Handwerkern,
das Tun der Erwachsenen. Spiel, Arbeit und schöpferische
Tätigkeiten fliessen also ineinander, wenn es aus dem Kern des
Menschen heraus getan wird. Dieser Kern aber – und darauf kommt
es an – der Kern gelungener Arbeit ist Vollzug der menschlichen
Freiheit. Der Mensch ist im Innersten darauf angelegt,
schöpferisch tätig zu sein und seine Freiheit zu vollziehen.
Darin liegt seine ganze Würde.
Balance
zwischen ökonomisierter Arbeit und dem schöpferischen Vollzug
Der
Mensch in seinem Drang, das Leben und die Welt sinnvoll und frei
zu gestalten, steht nun in einer Spannung, weil sein Schaffen
den ökonomischen Gesetzmässigkeiten unterworfen ist. Er muss
messbar produktiv sein und etwas leisten, was mit Geld
abgegolten werden kann. Doch wenn der Mensch sein Tun nur ganz
einseitig den Wirtschaftsmechanismen unterwerfen würde, wäre er
mehr und mehr entfremdet. Er würde wie zu einem Teil einer
Maschine und seine Freiheit würde immer mehr aufgesogen. Er
würde zum Sklaven der Arbeit. Würde er seine Tätigkeit im
Gegensatz dazu – und dies wäre das andere Extrem – nur nach
seinen augenblicklichen, freien inneren Impulsen gestalten, wäre
sein Tun für andere kaum nützlich. Er würde nur seine eigene
Freiheit zelebrieren, ohne auf Notwendigkeit der Situation und
seiner Mitmenschen zu achten. Die Gesellschaft muss also helfen,
dass insgesamt die Balance zwischen verzweckter Arbeit und dem
freien, schöpferischen Vollzug bewahrt bleibt. Jeder Mensch
bewegt sich zwischen diesen beiden Polen.
Den
einen können wir auch den Pol der „ökonomisierten Arbeit“ nennen
und den andern denjenigen der „zweckfreien Kunst“. In der
Balance bleiben heisst also darauf achten, dass bei der
ökonomisierten Arbeit auch der schöpferische Vollzug
gewährleistet ist. Dazu gehören gute Arbeitsbedingungen,
Einsicht in die Arbeitszusammenhänge und ein Tun, das als
sinnvoll erfahren wird. Damit darin jeder Mensch als Mensch
behandelt wird, muss er auch Verantwortung übernehmen können,
denn nur so wird er in seiner Freiheit und Würde ernst genommen.
Auf der andern Seite kann nicht nur einseitig dem schöpferischen
Impuls des einzelnen nachgegeben werden. Selbst die Kunst, als
Inbegriff des freien Vollzugs, ist nicht nur um der Kunst willen
da. Auch ein kunstschaffender Mensch soll im Blick auf die
gesamte Gesellschaft hin wirken. Dies verstehe ich unter Balance
zwischen den zwei Polen. (Folie grafisch zeigen)
Menschen ohne Arbeit
Wo
gehören nun die Menschen ohne Arbeit hin, die sogenannten
Arbeitslosen? Bewegen sich diese Menschen ausserhalb dieser zwei
Pole? Ich denke nicht: Die Menschen ohne Arbeit, sind zuerst
einmal Menschen, die nicht im Bereich der unmittelbar
ökonomisierten Arbeit tätig sind. Sie sind trotzdem
gesellschaftlich wertvoll und leisten oft in ihrer Kreativität
unverzichtbare Beiträge für die Mitmenschen. In der Zeit ohne
Arbeit soll daher niemand mutlos werden, resignieren oder gar
ins Nichtstun absacken. Diese Menschen sollen sich vielmehr
weiter auf der Linie zur schöpferischen, ja künstlerischen
Tätigkeit hin verstehen. (auf der Folie zeigen). Die Zeit ohne
Lohnarbeit sollte genutzt werden, um die eigene Kreativität zu
bewahren. Ja die schöpferische Freiheit wird gerade besonders
herausgefordert in einer solchen Situation. Diese „andere Seite“
muss nicht gerade aus allen Erwerbslosen Künstler machen, doch
die Zeit kann genutzt werden, sich selber zu verwirklichen in
unterschiedlichen Formen der Weiterbildung. Ziel sollte es in
dieser Zeit sein, persönlich weiterzukommen. Früher oder später
gilt es selbstverständlich in den Bereich der ökonomisierten
Arbeit zurückzukommen.
Freiwilligenarbeit
Und dann
gilt es jenseits der Arbeitslosenproblematik noch einen ganz
andern Gedanken in Erinnerung zu rufen. Unzählige Arbeiten, die
getan werden müssen, können gar nicht gemessen und stets monetär
abgegolten werden. Es braucht in eigenen Betrieben und auch in
festen Anstellungsverhältnissen immer auch einen Einsatz der
nicht einfach bezahlbar ist. Ich denke aber auch an die
unzähligen Bereiche der Freiwilligenarbeit, ohne die eine
Gesellschaft gar nicht auskommt. Besonders Frauen leisten in der
Freiwilligen-Arbeit immer noch den Löwenanteil. Weshalb wohl?
Wie hängt denn die Arbeit mit der Geschlechterfrage zusammen?
Wenn wir zurück blicken, so hat unsere bürgerliche Gesellschaft
bis vor wenigen Jahrzehnten die Arbeit zwischen Frau und Mann
wie folgt aufgeteilt: Der Mann war verpflichtet, der
ökonomisierten Arbeit, der Lohnarbeit nachzugehen, da er ja als
Ernährer galt. Die Frau aber hatte innerhalb der Familie, und
darüber hinaus, für die Bereiche zu arbeiten, die eben nicht
einfach finanziell messbar waren. Die Pflege der Beziehung und
die Erziehung der Kinder im Haushalt seien nur als besondere
Beispiele genannt. Diese Zweiteilung ist über lange Zeit
aufgegangen. Aus diesem Grunde hatten der Staat und auch die
Kirche diese Struktur der kleinbürgerlichen Familie immer wieder
nachhaltig gefördert. Heute sind diese Strukturen am verfliessen.
Mann und Frau verstehen sich in ihren Rollen neu. Aus der
klassischen Rollenaufteilung heraus, die noch unbewusst in
unseren Köpfen dominiert, wird die Familienarbeit in ihrem Wert
jedoch immer noch nicht richtig anerkannt und geschätzt. Auch
andere Arbeiten, ich sage da bewusst, Arbeiten, die von
„christlichen Werten“ getragen sind, wie Nächstenliebe,
Menschlichkeit, die Arbeit mit Kindern, oder Arbeit wo Hilfs-
und Pflegebedürftige im Zentrum stehen, werden nach wie vor zu
gering geschätzt. Diese äusserst wichtigen Arbeiten werden –
weil sie nicht so leicht messbar und ökonomisierbar sind – an
den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen
Schaltstellen nicht wirklich gewürdigt.
Balance erhalten
Ich
denke, wir alle sollten in unserem Denken den „Raster“ Arbeit in
unseren Köpfen neu definieren. Die drei Formen des menschlichen
Tätigseins, die drei Formen der Arbeit, die Lohenarbeit, die
Freiwilligenarbeit und die künstlerische Tätigkeit sind
insgesamt gleichwertig. Wenn eine dieser drei nicht wäre, würde
das ganze Gefüge unserer Gesellschaft aus der Balance geraten
oder zumindest stark verarmen. Schauen wir in unserem eigenen
Tun und dort wo wir für andere Verantwortung haben, immer
wieder, dass die Balance erhalten bleibt.
ProArbeit hilft beim Halten dieser „Balance“ mit ihrer
reichen Erfahrung. In diesen neuen Räumen ermuntert ProArbeit
jene Menschen die gegenwärtig keine Lohnarbeit haben auf
ihrem Weg. Als Sozialvorsteher und als Stadtrat bin ich
glücklich, dass ProArbeit täglich die Aufgabe wahrnimmt,
Menschen in ihrem Selbstbewusstsein und Selbstvollzug zu
stärken. Schön, dass diese städtischen Räume nun wieder so
sinnvoll genutzt werden.
Ich
danke Ihnen...
Andreas
Bossard, Stadtrat, Zug