Rede zur Vernissage des Filmes Gambit
Kino Seehof Zug                                                          12. Dezember 2005

Sehr geehrter Herr Sambeth
Sehr geehrte Frau Gisiger
Frau Ursin, geschätzte Damen und Herren

Als Vorsteher des Sozial- Umwelt und Sicherheitsdepartements habe ich auf Ihre Anfrage hin sehr gerne ja gesagt, heute Abend einige kurze Worte der Begrüssung an Sie zu richten.
Dabei möchte ich es nicht unterlassen, Ihnen die Grüsse des Gesamtstadtrates zu überbringen.
Obwohl ich ihren Film heute zum ersten mal sehen werde, weiss ich, dass sie die Geschehnisse um Seveso in ihrem Buch und nun in diesem Film akribisch aufgearbeitet haben.
Zuerst einmal die Fakts, die mir bruchstückhaft noch immer in Erinnerung geblieben sind, die Zahlen habe ich letzte Woche kurz recherchiert:
1976 Chemischen Fabrik Icmesa bei Mailand ereignet sich eines der schlimmsten  Chemieunglücke des 20. Jahrhunderts.
Entwichen ist damals das sehr giftige Dioxin.
Die Katastrophe ging als Seveso-Unglück in die Geschichte ein.
ICMESA gehörte dem Konzern Hoffmann-La Roche.  
In Erinnerung geblieben ist mir auch  die Vertuschung der Sachlage durch die Verantwortlichen.
Vögel und Kleintiere starben in der Umgebung.
70'000  Tiere mussten notgeschlachtet werden.
In der Folge wurden ca. 220’000 Menschen ärztlich untersucht.
Dabei erlitten 200 Menschen schwere Hautschäden;
Die Häuser von 40 Familien mussten abgerissen, die oberen Bodenschichten abgetragen und deponiert werden.
1800 ha Boden wurde auf Jahre hinaus verseucht.
Dies entspricht eine Fläche von 36 grossen Bauernhöfen.
Das Zentrum der Region von Seveso bleibt auf Jahre hinaus unbewohnbar.
Bis 1978 wurden 59 Kinder missgebildet geboren, und es kam zu 14 Totgeburten.
Die Langzeitfolgen wie Krebs und Erbgutschäden werden erst in Jahrzehnten abschätzbar sein.
In Erinnerung geblieben ist mir auch der Skandal um die Irrfahrt der Fässer nach Frankreich.
...
das Wiederauffinden der Stahlfässer in einem alten Schlachthof,
...die Weiterfahrt  nach Basel
...und dann endlich das fachgerechte Verbrennen in Basel nach beinahe 10 Jahren im Jahre 1985
Vielleicht erinnern Sie sich auch an den Prozess gegen die Verantwortlichen, der sich  jahrelang hinzog, und der 1987 mit einem fast allgemeinen Freispruch endete.
Seveso bleibt ein Meilenstein des ökologischen Bewusstseins unserer Zeit
Der Fall Seveso war der Beginn „der internationalen Gesetzgebung für die öffentliche Kontrolle und der Herstellung gefährlicher Produkte“. (sog. Seveso-Richtlinie)

Jürg Sambeth war damals technischer Direktor verschiedner chemischer Fabriken.
Ihm sind die gefährlichen Missstände aufgefallen und er forderte damals Massnahmen bei der Sicherheit.
Aus Spargründen wurde diese damals nicht ausgeführt.
Nach dem Unfall gerät die Konzernleitung in Panik und befiehlt ihm zu schweigen.
Über Nacht fühlt er sich verantwortlich für die grösste Umweltkatastrophe, die bis heute in Europa geschah.
Lange hat er aus Loyalität geschwiegen.
Herr Sambeth wurde in Italien auch verurteilt.
In seinem Buch beschreibt er seine eigene Zerrissenheit.
Mit Film und Buch versucht er die unglaubliche Geschichte zu bewältigen.
Er erkennt auch, dass er - durch seine falsch angewendete Loyalität - einen Teil der Schuld mitzutragen hat.

Nach bald 30 Jahren kann gesagt werden, dass die Chemiefirmen aus diesem Fall etwas gelernt haben.
Im Bereich Sicherheit und Umweltschutz ist in den letzten Jahren in Europa einiges geschehen.
Auch in der Stadt Zug haben wir eine wirkungsvolle Stützpunktchemie-wehr eingerichtet.
Man weiss heute wo und wann welche Produkte umhergeschoben werden.
Leider sind diese Erkenntnisse noch nicht überall auf der Welt umgesetzt worden.
Noch immer produzieren gewisse Chemiegiganten in Entwicklungsländern ohne, oder nur mit largen Vorschriften.
Vertuschung vor gut drei Wochen auch in China, als ein Chemiewerk explodierte und der hochgiftige Schmutz via Flüsse bis nach Russland verfrachtet wurde.
Wasserversorgungen mussten abgestellt werden usw.
Das Thema ist nach wie vor aktuell.

Herr Sambeth
Es freut mich, dass Sie seit über 10 Jahren in Zug wohnen.
Sie haben mit ihrem Buch und ihrem Film die Wirklichkeit einer unrühmlichen Geschichte ans Licht gebracht.
Sie haben dies nicht aus narzisstischen Gründen getan.
Ihre Botschaft kommt an: Fehler der Vergangenheit sollen heute nicht mehr passieren!
Sie kämpfen an gegen Filz und Vertuschung.
Sie sind ein Mann mit grossem Zivilcourage.
Als Umweltverantwortlicher dieser Stadt arbeite ich unter dem Motto „Global denken - lokal handeln“ Ich bin mir bewusst in unserer Stadt mit den unzähligen Firmen werden immer wieder Entscheide gefällt, die auch ökologisch globale Auswirkungen haben.
Ich bin zuversichtlich, dass die Firmen insbesondere im Chemie- und Rohstoffhandel Ihre Botschaft hören und aus der Geschichte lernen!.
Ökologisches Handeln lohnt sich auch wirtschaftlich - alles was zerstört wird, kann nur mit riesengrossen Kraftakten wieder einigermassen ausgeglichen werden.
Sie haben ihre Geschichte aufgearbeitet - dies macht frei!
Mögen Sie ihren Lebensabend in unserer schönen Stadt in Gesundheit und Wohlergehen geniessen.
Bleiben sie daran... 
Wir sind alle gespannt auf den Film Gambit

Danke allen, die heute Abend Ihr Interesse an diesem Film zeigen!

 

 

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