| Lebkuchenfeier 2007
- Laudatio Frau Dr. Wyss
Liebe Frau Dr. Wyss, geschätzte
Anwesende
Es ist mir eine grosse Freude zu und über
Frau Dr. Wyss zu reden, über eine hochinteressante Frau
mit deutschen Wurzeln. Gerne werde ich ein wenig von Ihrer
Vergangenheit erzählen und berichten, wie Sie die Liebe
zu unserer Stadt gefunden hat. Noch mehr freue ich mich, Sie,
Frau Dr. Wyss, heute an diesem Anlass im Namen des Stadtrates
mit der Verleihung des Frauenthaler Lebkuchens ehren zu dürfen.
Frau Dr. Wyss wurde im „Bergischen
Land“ in einer typischen Arbeiterstadt in Olix/Solingen
im Jahre 1923 geboren. Als ich Sie nach ihrer Heimat erfragte,
kam ihr sofort folgendes Lied von Rudolf Hartkopf in den Sinn:
Wo die Wälder noch rauschen, die
Nachtigall singt,
die Berge hoch ragen, der Amboss erklingt.
Wo die Quelle noch rinnet aus moosigem Stein,
die Bächlein noch murmeln im blumigen Hain.
Wo im Schatten der Eiche die Wiege mir stand,
da ist meine Heimat, mein Bergisches Land.
Ich denke, Ihre Liebe zur Literatur und
Philosophie gehen zurück in die Wurzeln Ihrer nicht einfachen
Kindheit.
Bereits Ihre Mutter war als Waisenkind
aufgewachsen. Sie selbst haben Ihren Vater mit drei Jahren
und Ihre Mutter mit zehn Jahren verloren. Nach dem Tode der
Mutter mussten Sie grosse Angst ausstehen; man wollte Sie
zusammen mit Ihrer drei Jahre jüngeren Schwester in eine
nationalsozialistische Erziehungsanstalt verquanten. Das Schicksal
oder das Glück entschieden aber anders. Ihnen und Ihrer
Schwester wurde eine liebenswürdige Vormundin zugeteilt,
die sich um Ihr Wohl und eine gute Ausbildung kümmerte.
Die Hauptschule konnten Sie im Kloster der Ursulinen in Presslau
besuchen. Bei Kriegsausbruch im Jahr 1939 mussten Sie in einer
grossen Familie Kriegshilfsdienst leisten. Noch während
der Kriegszeit durften Sie dank einem Stipendium Ihrer Vormundin
in Köln und Göttingen ein Medizinstudium absolvieren.
Sie schlossen das Studium als Ärztin im Alter von 22
Jahren zwei Wochen nach Kriegsende, im Mai 1945 ab.
In der schwierigen Nachkriegszeit, immer
am Rande des Existenzminimums, erwarben Sie in verschiedenen
Kliniken berufliche Praxis. Bei dieser Tätigkeit hatten
Sie auch Ihren ersten Mann, einen Pathologen, kennen und lieben
gelernt. Als berufstätige Frau begleiteten Sie die beiden
Kinder aus Ihrer Ehe ins Leben. Ihr Sohn und Ihre Tochter
leben noch heute in Deutschland wo auch ihre vier Enkelkinder
zuhause sind. Ihre erste Ehe dauerte 16 Jahre.
Ein schönes Erlebnis, das ihnen vielleicht
den Weg nach Zug öffnete, hatten Sie an Silvester 1965.
Sie gossen - wie es die Tradition will - Blei. Das heisse
Blei nahm beim Abkühlen die Form eines Schwanes an. Schon
immer hatten Sie von einem Wohnort geträumt, der an einem
herrlichen See, belebt mit Schwänen und umschlossen von
eindrücklichen Bergen liegen sollte. Im darauf folgenden
Jahr, 1966, lernten Sie in Bonn den bekannten Zuger Joachim
Wyss kennen. Darauf folgte ein Hin und Her zwischen Bonn und
Zug. Sie waren zum ersten Mal in der Casa Rossa am Zugersee
und erinnerten sich an den Schwan beim Bleigiessen. Ihr lang
gehegter Wunsch wurde ganz plötzlich Realität. Sie
verliebten sich nicht nur in einen Mann sondern auch in die
Casa Rossa und in unsere Stadt.
Ich habe nun eine weitere Strophe des von ihnen eingangs erwähnten
Liedes ein wenig umgewandelt:
Wo so wunderbar wonnig der Morgen erwacht,
im blühenden Tale die nahe Stadt zu mir lacht,
Wo die Mägdlein so wahr und so treu und so gut,
Ihr Auge so sonnig, so feurig ihr Blut,
Wo noch Liebe und Treue die Herzen verband:
Da ist meine zweite Heimat, das zugerische Land!
Im Jahre 1967 haben Sie dann Joachim Wyss
geheiratet.
Dank Ihrer Weiterbildung zur Fachärztin
für Neurologie und Psychologie in Braunschweig konnten
sie 1970 in der Casa Rossa als erste Psychiaterin in Zug eine
Praxis eröffnen. Die Paten Ihrer Praxis waren die bekannten
Zuger Dr. Max Kühn, Bürgerpräsident Willi Waller
und alt Stadtpräsident Robert Wiesendanger.
Ihre Praxis blühte auf und Sie fanden
Erfüllung in ihrer Tätigkeit. Als Ausgleich zu ihrem
Beruf pflegten Sie Ihre grosse Passion zu literarischen und
philosophischen Werken, aber auch zur klassischen Musik. Ständig
erweiterten Sie Ihr Wissen.
Als im Jahre 2001 ihr Mann Joachim Wyss
verstarb, wurde das Haus, das der Hürlimann-Wyss-Stiftung
gehört, umfassend renoviert. Nach der Renovation konnten
Sie wieder in die schönen Gemächer der Casa Rossa
einziehen. In solchen Räumen wird musisches, literarisches
und philosophisches Denken angeregt.
Nun zur eigentlichen Ursache der heutigen
Ehrung: Ihr Café Philo!
Auch im Alter sind Sie eine sehr aktive
Frau geblieben. Sie haben Computerkurse besucht, philosophische
Texte umgeschrieben oder vom Englischen ins Deutsche übersetzt.
Im Duttweiler-Institut haben Sie anlässlich einer Veranstaltung
bei Wilhelm Schmid philosophisch denkende Menschen kennen
und schätzen gelernt. Sie haben an sokratischen Gesprächen
teilgenommen, die ihnen aber zu schulmässig erschienen.
Sie erweiterten ihren Horizont auf Reisen der Zuger Kunstgesellschaft
oder in Kursen im Lassallehaus, wo wir uns auch zum ersten
Mal begegnet sind.
So ist es nicht weiter verwunderlich,
dass Sie im Jahr 1998 nach der Lektüre des Taschenbuches
„Philosophy, the Basics“ und dem Buch „Ein
Café für Sokrates“ einen inneren Wegweiser
spürten einen Zirkel für philosophische Gespräche
ins Leben zu rufen. Ja, Sie verfolgten die richtige Spur und
gründeten vor sieben Jahren das Café Philo.
Jeden zweiten Freitag treffen sich im Hotel Guggital zwischen
10 und 20 Frauen (nur selten Männer) zu philosophischen
Gesprächen. Sie bereiten jeweils ein Thema vor, über
das dann diskutiert wird. Zum Beispiel: „Mehr als das
Übliche aus der Welt herauslesen“ oder „Wo
das noch nicht Bewusste Gestalt annimmt“ und kürzlich
besprachen sie das Thema „Politik und Philosophie -
zwei Welten?“
Die Philosophie hat ihnen noch im hohen
Alter ein weites Feld eröffnet. Sie und auch die Teilnehmerinnen
ihrer Café Philo-Veranstaltungen bleiben geistig fit.
Sie können Funken entzünden und als Motivatorin
ihr Wissen weitergeben. Bei unserem Gespräch habe ich
Sie als einen Menschen mit einer inneren Mitte erlebt. Sie
stehen trotz ihren 84 Jahren noch voll im Leben, Sie haben
eine phantastische Ausstrahlung. Ihr Horizont ist offen und
weit. Sie zeigen Begeisterung an einem herrlichen Text, einem
Gedicht oder an den zauberhaften Herbstfarben ihrer Blutbuche.
Machen Sie weiter so, begeistern Sie Menschen mit guten philosophischen
Gesprächen - Ihr „Café Philo“ soll
weiter leben!
Frau Dr. Wyss, Sie haben den Frauenthaler
Lebkuchen redlich verdient. Ich freue mich, Ihnen im Namen
des Stadtrates diesen Kuchen und die Urkunde übergeben
zu dürfen.
Andreas Bossard, Stadtrat,
Vorsteher Departement Soziales, Umwelt und Sicherheit
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