Lebkuchenfeier 2008
- Laudatio Zuger Spiillüüt
Es ist mir eine grosse Ehre
zu und über die Zuger Spiillüüt zu reden. Über
eine phantas-tische Gruppierung, die unsere Stadt seit über
40 Jahren kulturell bereichert.
Die Theaterwelt fasziniert seit Urzeiten
alle Generationen. Darum freute ich mich sehr, als der Stadtrat
beschloss, in diesem Jahr Ihre grossen Verdienste rund um
das Zuger Theater mit dem Frauentaler Lebkuchen zu ehren.
Meine Freude ist deshalb so gross, weil ich selbst vom Theater
begeistert bin. Als Lehrer habe ich versucht, diese Begeiste-rung
meinen Schülerinnen und Schülern zu vermitteln,
indem wir immer wieder Theater spielten. Wer weiss, vielleicht
findet sich darunter einmal Nachwuchs für die Zuger Spiil-lüüt.
Vorletzte Woche habe ich im Nachlass
meines Vaters noch etliche Theaterakten gefun-den. Mein Vater
erzählte mir noch kürzlich, wie seine älteren
ledigen Tanten vor gut 100 Jahren - als sie sich für
das Theater engagierten und aktiv mitspielten - von ihren
Brot verdienenden Brüder sehr oft belächelt wurden.
Was kein Geld brachte, war schon da-mals weniger wert. Aber
es war eine Möglichkeit, für eine kurze Zeit das
enge häusliche Dasein zu vergessen. Dabei soll sich eine
dieser Tanten gar in einen protestantischen Zürcher Professor
verliebt haben. Eine Ehe mit einem Protestanten oder umgekehrt
mit einer Katholikin war zu jener Zeit praktisch unmöglich.
Deshalb entstand daraus lediglich eine platonische Liebe mit
einem hochstehenden Briefwechsel. Einzig die irreale Welt
des Theaters hat ihr ein Stückchen Freiheit geschenkt
von den gesellschaftlichen Zwän-gen. Gestern wie heute
lassen sich im Theaterspiel eigene Phantasien entwickeln,
man kann der Welt einen Spiegel vorhalten und Wege aufzeigen,
die wir in Zukunft gehen werden. Die gesellschaftlichen Zwänge
von damals sind heute kein Thema mehr - zweifellos auch ein
Verdienst der Theaterkunst. Da ist es leicht verständlich,
dass man den Theater-Virus bekommen kann, der einen ein Leben
lang nicht mehr loslässt.
Seit über 40 Jahren habt Ihr Zuger
Spiillüüt den Theater-Virus und damit eine benei-denswerte
kleine Tapetentüre in eine andere Welt, wo d‘Spiillüüt
den Alltag vergessen und Zuschauer den Atem anhalten können.
Schon eure Entstehung ist spannend. Am Anfang stand nämlich
- das soll vorkommen - ein Streit. Die Zuger Heimatbühne
gehörte damals zum Urschweizer-Verein. In den 60er Jahren
wurde die Heimatbühne immer bes-ser und zog von Erfolg
zu Erfolg. Diese Eigendynamik, die sich da entwickelt hat,
gab innerhalb des Urschweizer-Vereins Probleme. Menschliche
halt; Eifersüchteleien viel-leicht! Jedenfalls wollte
man die Theaterleute zurückpfeifen.
Das liess sich die dynamische
Theatergruppe nicht gefallen und sie gründete 1967 kurz-entschlossenen
einen eigenen Verein. Die Institution Zuger Spiillüüt
war geboren. Einige der damaligen Gründungsmitglieder
gehören noch heute, nach über 40 Jahren, zum Verein:
Gritli und Geri Ebner, Cécile Stuber und Rosmarie Hürlimann.
Wohlbekannte Name aus der Gründungszeit der Spiillüüt
sind jene von Cäsar Rossi und Paul Stadelmann. Ja sogar
der bekannte Zuger Ces Keiser hat die Spiillüüt
in den Anfangszeiten wohlwollend begleitet.
10 Jahre später kamen drei tragende Mitglieder dazu:
die Familie Frick! Odile, Klaus und der junge Rémy
stiessen 1977 gemeinsam zum Verein. Die Familie Frick wird
in Zug als Theaterfamilie und als Mitträger der Spiillüüt
geschätzt und verehrt. Ich erlebte Klaus in Lagern, an
Schulfesten, beim Oberwiler Theater, an Personalfesten. Besonders
in Erin-nerung geblieben ist mir - in den 70-er Jahren - das
Stadtrats-Schleuderkarussel. Ob ich das heute noch lustig
fände, kann ich erst in zwei Jahren wieder beurteilen.
Mit Rémy fällt der Apfel nicht weit vom Stamm:
er hat das Talent und die Leidenschaft seines Vaters geerbt.
Nicht umsonst ist die Familie Frick heute bereits Ehrenmitglied
der Zuger Spiillüüt.
So sind nebst anderen auch die Gründungsmitglieder, Erwin
Egloff und Peter Bühler Ehrenmitglieder. Sie alle haben
viel geleistet für die Spiillüüt. So auch Agathe
Imfeld, Kostüme, und Peter Annen als Beleuchter, um nur
einige der vielen Helferinnen und Helfer zu nennen.
Seit 40 Jahren bereichert ihr
also das Zuger Theaterleben. Euer Stammspiellokal ist der
herrliche Burgbachkeller. Dort bringt ihr die Leute zum Lachen,
Staunen und Nachden-ken. Einmalig bleiben mir in Erinnerung
die Jubiläumsproduktionen wie beispielsweise vor 20 Jahren
auf der Guggiwiese. Das Guggi wurde durch euch erstmals, seit
es im Be-sitz der Stadt ist, so richtig belebt. Dann 10 Jahre
später die Produktion Don Camillo und Pepone im Marienheim.
Klaus als Pepone und Rémy als Don Camillo. Auch für
Euch, Rémy und Klaus, muss es ein Erlebnis gewesen
sein, zusammen auf der Bühne - Wein geniessend - über
ausgelauschte Kriegserlebnisse zu berichten. Und dies mit
dem herrlichen Zuger Sonnenuntergang im Gesicht. Ich denke,
solche Auftritte sind wohl einmalig in einer Vater-Sohn-Beziehung.
Dann letztes Jahr im Daheim die Vampire: Dem Publikum lief
es kalt über den Rücken, als sich nach der Pause
die Särge öffneten.
Ich fragte Rémy, wer denn sonst
noch die Spiillüüt fördere. Er sagte spontan:
die „öffent-liche Hand“. Solch seltene Wertschätzung
hören wir Politiker natürlich gerne. Du lobtest
besonders den vor 10 Jahren gefällten stadträtlichen
Entscheid, das Probelokal in der „Gwürzmüli“
zusammen mit der „Kulisse“ nutzen zu dürfen.
In diesem Lokal – dies haben wir letztes Jahr von euch
vor Ort erfahren – entwickeln sich die Ideen, hier entsteht
unser Zuger Theater, das wir so lieben. Besonders gefreut
hat mich, dass die Zusammenarbeit innerhalb der „Gwürzmüli“
mit der „Kulisse“ nicht als Konkurrenz, sondern
als gegenseiti-ge Ergänzung und Bereicherung angesehen
wird. Beim stadträtlichen Besuch in der „Gwürzmüli“
ist denn auch die Idee entstanden, Euch den Frauentaler Lebkuchen
für das Jahr 2008 zu übergeben.
Das Theaterspielen ist nicht
immer nur „Honiglecken“. Da arbeiten Menschen
dicht und intensiv zusammen! Eine strenge Arbeit, die nicht
von Konflikten verschont bleibt. Vor einer Aufführung
wird sehr viel Zeit mit den Theaterkolleginnen und -kollegen
verbracht, die Familie muss zurückstehen. In solchen
Phasen muss man Krisen- und Stresssituationen aushalten können.
Man kann nicht davon laufen. Man ist gezwungen, als selbst
gewählte Schicksalsgemeinschaft weiter zu arbeiten von
den Proben zur Première bis zur erlösenden Dernière.
Manche von euch Theaterschaffenden sind seit 30 Jahren dabei.
Ich fragte, ob das nicht langsam „gnüegelet“?
Keine Spur! - Eure Passion, so habe ich erfahren, sei in unserer
materialistisch geprägten Welt äusserst wichtig.
Sie schaffe den nötigen Ausgleich.
Ihr Zuger Spiillüüt
schaut, dass das kulturelle Leben in unserer Stadt reichhaltig
bleibt. Ihr bringt Leute zum Lachen und betreibt dabei eine
Art Gesundheitsförderung, obwohl die Krankenkassen das
nicht honorieren. Ihr weckt Emotionen, die uns manchmal fehlen.
Bei Euren Aufführungen entstehen Erlebnisgemeinschaften,
die für unsere Stadt wichtig sind. Ich denke auch an
die guten Gespräche im Daheim mit dem Beizli im Schatten
des Huwilerturms.
Schön ist, dass ihr keine
Nachwuchsprobleme habt. Vielleicht leistet der Kindertheater-verein
hier einen Beitrag. Er wird von der Stadt unterstützt,
genauso wie das Theater, der Sport und die Musik. Das sind
die drei Standbeine unserer Kultur. Wir müssen unserer
Kultur, der städtischen ganz besonders, Sorge tragen.
Sie lässt uns friedlich und angenehm zusammenleben. Das
kann man zwar nicht mit Geld messen, aber wir spüren
ganz genau, dass die Kultur ein bleibender Wert ist - ganz
besonders in der heutigen Zeit, wo sich ein Derivat nach dem
anderen in heisse Luft auflöst. Da ist es für mich
unverständ-lich, wenn gewisse Kreise populistisch die
Kulturförderung torpedieren.
Aber die Politik hat ja oft viel mit Theater zu tun: auf der
politischen Bühne finden manchmal Dramen und öfters
noch Komödien statt, aber das Ganze endet meistens melodramatisch
in einem gut eidgenössischen Kompromiss. Gott sei Dank
will unsere Ge-sellschaft aber weder auf Theaterschaffende
noch auf Politiker verzichten.
Klaus und Rémy Frick,
Ihr dürft im Namen der Spiillüüt den Lebkuchen
entgegen nehmen. Die Zuger Spiillüüt haben den Frauenthaler
Lebkuchen redlich verdient. Ich freue mich, Euch im Namen
des Stadtrates diesen Kuchen und die Urkunde übergeben
zu dürfen.
Andreas Bossard, Stadtrat,
Chef Departement Soziales, Umwelt und Sicherheit
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